[…] da wuchern sie denn, bilden übernacht Metastasen, vorgestern noch unfühlbar, gestern noch unsichtbar, heute schon Schwellung, morgen Kern eines faulenden Gewebes, es bilden sich Ketten von kleinen Geschwüren aus Beton, eines wie das andere, und jedes umringt von angepflanztem, umzäuntem Aussatz, sie bilden sich an abgefressenen Hängen oder beiderseits der Zufahrtsstraßen, die Straßen schließen sich zu quadratischen Netzen um die Ansammlungen von Betongeschwüren, so entsteht dann Vorstand, aus der dann Stadt wird, aus der dann Großstadt wird, aus der dann Mutterstadt einer Ansammlung von Trabanten wird, in der dann niemand sich mehr auskennt, auch der nicht, der in ihr großgeworden ist […]
– Wolfgang Hildesheimer - Tynset
Schräg gegenüber der schon einmal besprochenen Grundschule, angrenzend an die Grizzly-Sportstätte und am Rande des Schultheiß-Neubauviertels befand sich bis vor kurzem noch einer der Fußballplätze des TSV Johannis 07. Zu Beginn des Jahres begannen seltsame Veränderungen: Archäologen schlugen ihre Zelte auf, steckten das Gelände ab und begannen mit ihren Untersuchungen.
Es war kein Kind, welches beim Fußballspielen einen archäologischen Sensationsfund gemacht hat, was die Archäologen veranlasste, hier tätig zu werden. Vielmehr waren sie Vorboten weiterer brutaler Veränderungen hier am nördlichen Stadtrand Nürnbergs. Der Fußballplatz war an seinem nördlichen Rand mit einer Reihe großer Kiefern umstanden. Diese verschwanden in einer Art Nacht- und Nebelaktion von einem Tag auf den anderen.
Blick von Westen auf den Fußballplatz. Der kahle Zaun grüßt nun den Spaziergänger. Aufnahme vom 15. Februar 2026
Verbliebene Baumstümpfe am nördlichen Rand des Fußballplatzes. Aufnahme vom 15. Februar 2026
Spätestens an diesem Punkt war mir klar, dass hier schnell Fakten geschaffen werden sollten für ein weiteres umstrittenes Projekt in der Gegend. Erst eine Internetrecherche eröffnete mir, was hier geschieht: Für die angrenzende Schule und andere städtische Einrichtungen soll auf dem Gelände des Fußballplatzes eine “moderne Dreifachturnhalle” entstehen. Wer die die Computervorschau des Gebäudes auf der Webseite betrachtet, dem wird böses schwanen. Der Sportverein hat - scheinbar nicht ganz unglücklich - das Grundstück für das Projekt freigegeben.
Mittlerweile gibt es auch ein offizielles Transparent mit einer Erklärung, was hier passieren soll.
Transparent als "Bautafel". Aufnahme vom 5. August 2026
Das Zerstören geht wie gewohnt schnell, das Fertigstellen der Häßlichkeiten braucht dann allerdings seine Zeit in unserer real existierenden Demokratie. Nachdem die Archäologen fertig waren - offenbar gab es unter dem Fußballrasen doch nicht allzuviel interessantes - hat man sich zunächst mit dem Bauen von Bergen beschäftigt.
Schuttberge als erstes Etappenziel. Im Hintergrund sind noch verschonte Bäume an der Westseite des verbliebenen Fußballplatzes zu sehen. Aufnahme der nordöstlichen Ecke des Geländes vom 2. Juli 2026
Momentan sieht es so aus als würde man es doch lieber einmal mit Landwirtschaft versuchen. Angesichts der herrschenden Trockenheit diesen Sommer mutet es aber auch wie eine Wüste an.
Überraschende Erweiterung des Knoblauchlands? Aufnahme der südöstlichen Ecke des Geländes vom 5. August 2026
Doch mehr Mondlandschaft als Landwirtschaft. Blick von Norden; im Hintergrund die Grizzly-Arena. Aufnahme vom 5. August 2026
Und doch ist alles das - kaum zu glauben aber wahr - noch besser als das, was am Ende hier entstehen soll. Eine grauer Klotz ohne Kunstfertigkeit, ohne Kultur und ohne Herz aber auf dem neuesten Stand gemäß Gebäudeenergiegesetz. Für das Wetzendorfer Land bedeutet es in jedem Fall, dass ein weiterer Stei gefallen ist. Wohin entwickelt sich eine “moderne” Stadt? Sind das wirklich Orte für Menschen?