Man hat Jahrzehntelang die größte Geschmacklosigkeit gepredigt, und durchgesetzt. Wir haben in den letzten Jahrzehnten so viele gemeine und skrupellos geschäftemachende Minister gehabt, die so lange auf ihren Ministersesseln sitzen geblieben sind, bis sie die Zerstörung und die Vernichtung unserer Landschaft und unserer Städte durchgesetzt und verwirklicht haben. So viele Auslöscher unseres Landes und unseres Staates, sagte ich zu Gambetti, man darf gar nicht daran denken.
Thomas Bernhard: Auslöschung
Heute geht es um eine rund 22 Hektar große landwirtschaftliche Fläche, welche sich zwischen dem alten Wetzendorf im Westen, der Grundschule Forchheimer Straße im Osten sowie zwischen dem Berufsförderungswerk in Norden und dem Bauindustriezentrum im Süden erstreckt. Dieses Gebiet ist der letzte Ausläufer des Knoblauchlands südlich der Schleswiger Straße und westlich der Erlanger Straße im Norden Nürnbergs.
Winterlicher Blick auf das Stück Knoblauchsland von der Grundschule Forchheimer Straße aus in Richtung Wetzendorf. Aufnahme vom 6. März 2025.
An ähnlicher Stelle im Herbst. Aufnahme vom 4. Oktober 2026.
Das Projekt
Seit Jahren plant die Stadt Nürnberg hier einen komplett neuen Stadtteil mit dem Arbeitstitel “Neu-Wetzendorf” zu errichten. Das neue Viertel soll 2.800 Einwohnern Platz bieten, wofür Wohnungen in bis zu sechsstöckigen Mehrfamilienhäusern gebaut werden sollen.
Was darf man sich unter der behördlich geplanten Errichtung eines neuen Stadtteils heute vorstellen? Bei mir werden Erinnerungen an den Sozialismus wach: Plattenbauten, Wohnraum für den Arbeiter. Oder an die Entstehung des Nürnberger Stadtteils Langwasser im Nürnberger Süden nach dem Zweiten Weltkrieg.
Immerhin: Langwasser oder auch Projekte wie der Norikus im Nürnberger Osten wurden zu ihrer Zeit erkennbar mit einer gewissen Vorstellung von Lebens- und Liebenswürdigkeit entwickelt. Jahrzehnte später jedoch sind auch diese Projekte einer oftmals recht traurig-tristen Realität gewichen. Wie mag sich so etwas heute entwickeln, da schon der reguläre Haus- und Wohnungsbau einer industriellen Vereinheitlichung und Effizienz gewichen ist, wie sie dem Sozialismus würdig gewesen wäre?
Blick auf die geplante Baufläche von Norden in Richtung Bauindustriezentrum. Aufnahme vom 30. November 2024.
Neben der Wohnanlage soll in Neu-Wetzendorf auch die laut Stadtverwaltung größte neu angelegte Parkfläche Nürnbergs seit Zeiten entstehen. Im Verhältnis sieht das allerdings eher ernüchternd aus. Es stellt sich mir außerdem die Frage: Warum kann man nicht einfach mal so eine große Parkfläche anlegen, ohne eine Art Kuhhandel zu betreiben, der da heißt: Wir versiegeln sinnvoll genutzte landwirtschaftliche Fläche und geben euch dafür ein bisschen Park zurück.
Die Natur
Das betroffene Knoblauchsland ist tatsächlich bereits heute ein wichtiges Naherholungsgebiet für viele Anwohner und ein spezieller Rückzugsraum für die Natur - ganz ohne Park. Das hat den Bund Naturschutz (NABU) und einen örtlichen Bürgerverein auf den Plan gerufen. Es klingt sehr nach einem deutschen Klischee, doch auf dieser Fläche werden seltene Tierarten wie Kröten und Vögel verortet. Unter anderem brüten hier Kiebitze. Und tatsächlich: Wenn man hier spazieren geht, vor allem im Frühling und im Herbst, dann kann man Tiere sehen, die sonst in der Gegend nicht zu finden sind, schon gar nicht in der Stadt. Das ist also durchaus real.
Blick auf die geplante Baufläche von Süden in Richtung Berufsförderungswerk. Aufnahme vom 31. August 2025.
Der NABU kritisiert auch ein fehlendes Verkehrskonzept. 2.800 zusätzliche Einwohner bedeutet wahrscheinlich mindestens 2.000 zusätzliche Autos alleine für diese. Der neue Park soll nach den Vorstellungen der Stadt über die unmittelbare Nachbarschaft hinaus attraktiv sein und eine Verknüpfung zwischen Marienbergpark und Pegnitzgrund darstellen. Welche Straßen und Parkplätze dieses zusätzliche Verkehrsaufkommen ermöglichen sollen ist wohl noch im Dunkeln. Das nächste städtebauliche Projekt und/oder Problem steht also vermutlich schon in den Startlöchern. Die “Krake” Stadt frisst sich immer weiter.
Flugblatt des Bürgervereins anlässlich einer Demonstration gegen das Projekt am 19. April 2026.
Und wieder die Wohnungsnot
Das Standardargument dieser Tage, wenn es um Neubauten geht, ist die herrschende Wohnungsnot im Land. Wie bei so vielen Themen in unserer Gesellschaft wird auch hier lieber nicht tiefer geschürft als unbedingt notwendig, als Totschlagargument soll es herhalten. Wer will schon Menschen Not leiden lassen wegen irgendwelcher Naturhindernisse oder Ästhetik.
Schon in vergangenen Beiträgen habe ich darauf hingewiesen, dass Neubauten in den meisten Fällen zu teuren Eigentumswohnungen und Eigenheimen führen, die sich ohnehin kein durchschnittlicher Bürger mehr leisten kann, ohne sich für den Rest seines Lebens zu verschulden. Der soziale Wohnungsbau war jahrzehntelang auf der Abschussliste der Politik, in bester neoliberaler Manier, besonders drastisch in Berlin aber zum Beispiel auch in München. Heute reibt man sich hier und da bereits verwundert die Augen, wie aktuell hinsichtlich der Partei “Die Linke” in Berlin, welche vor 20 Jahren erst mitgeholfen hat Wohnungen zu verscherbeln, und sie nun öffentlichkeitswirksam wieder enteignen will.
Vertreter vom NABU wiesen anläßlich einer Demonstration gegen das Neu-Wetzendorfer Bauvorhaben darauf hin, dass laut Berechnungen eines Hochschulprofessors günstiger Wohnraum am ehesten dadurch entsteht, dass man bestehende Wohngebäude in der Stadt aufstockt. Das klingt für mich schlüssig. Viele moderne Gebäude in der Stadt würden unter einer Aufstockung nicht groß leiden. Es müssen keine neuen Grundstücke erschlossen werden. Die bestehende Infrastruktur kann weitergenutzt werden.
Neben solcher Ansätze frage ich mich aber auch, was eigentlich mit all den Brachflächen in der Stadt ist, etwa im Nürnberger Rostgürtel an der Stadtgrenze oder in Muggenhof. Gelände wie das der ehemaligen Quelle oder AEG werden nun allmählich bebaut, doch da ginge sicher noch mehr. Teile der nun brach liegenden Schöller-Fabrik im Norden kommen mir in den Sinn. Warum diese Flächen nicht so attraktiv sind, kann ich mir schon vorstellen: man möchte lieber hochwertigen, teuren Wohnraum schaffen im Grünen, damit die Kasse klingelt.
Ein besonderer Höhepunkt ist, dass laut dem Bericht des NABU der Besitzer des Turms “The ONE” in Thon bei der Stadt angefragt hatte, ob es angesichts leerstehender Stockwerke im Gebäude (wer hätte damit gerechnet?) nicht möglich sei, dort Wohnungen einzurichten. Der zuständige Baureferent der Stadt soll das abgelehnt haben: Das seien nun einmal Gewerbeflächen. Da darf ruhig weiter Not herrschen.
Von städtischer Bürokratie und ihrem Verständnis von Artenschutz
Vergangenen Winter tauchten auf dem künftigen Baugelände plötzlich viele Pflöcke mit rot-weißen Absperrbändern, wie man sie von Baustellen her kennt, auf, und flatterten im Wind. Was sich dem Passanten als eine Art Markierung für Vermessungsarbeiten oder das Abstecken des Geländes durch Archäologen darstellte, waren nach Auskunft des NABU vielmehr Verdrängungsmaßnahmen der Stadt Nürnberg. Ein interessanter Begriff aus dem bürokratischen Wortschatz unserer Behörden. Die Stadt möchte insbesondere den geschützten Kibitz aus dieser Gegend verdrängen, damit er kein Hindernis für die Entstehung von Neu-Wetzendorf darstellt.
Der geschützte Kiebitz. Gemeinfreies Foto von Wikipedia.
Fakten schaffen könnte man das auch nennen. Zur Freude des NABU haben sich einige Kibitz-Päärchen trotzdem nicht verdrängen lassen und im Frühling wieder hier gebrütet, obwohl die Stadt die Pfähle sogar noch einmal hat umsetzen lassen, um die Wirkung der Maßnahme zu verbessern. Es wirkt wie ein Schildbürgerstreich.
"Verdrängungsmaßnahmen" der Stadt Nürnberg. Aufnahme vom 6. März 2026.
Die Stadt wirbt doch noch um Bürgerbeteiligung - aber nur zur Ausgestaltung der Details. Aufnahme vom 14. Juli 2025.
Die rechtliche Situation
Doch nicht die klischeehafte Vogelrettung scheint dem monströsen Bauvorhaben zum Verhängnis zu werden, sondern ein anderes interessantes Geschmäckle rund um dieses Projekt. Die Stadt Nürnberg hatte nämlich bereits vor dem offiziellen Start des Genehmigungsverfahrens die örtliche Bauwirtschaft “eingeladen”, damit zu beginnen, Parzellen der angedachten Baufläche von den Bauern abzukaufen, da eine geringere Streuung des Grundbesitzes schon einmal eine Hürde des Vorhabens beseitigen würde. Hier sagen nun Rechtsversteher: Es kann nicht sein, dass die Verwaltung Hürden schon vorsorglich entfernen lässt, bevor Bürger und Verbände überhaupt auf einer wenig beachteten Versammlung ihre wenig beachtete Meinung kundtun können. Der NABU konnte hier einen vorläufigen Erfolg einfahren, der Bayrische Verwaltungsgerichtshof hat den Bebauungsplan bis auf weiteres ausgesetzt.
Und damit kommen wir zum Geschmäckle: Sollte es dem NABU tatsächlich gelingen diesen bürokratischen Gegenangriff zum Erfolg zu führen und das Projekt scheitern, erwartet man, dass die Bauunternehmen, welche tatsächlich bereits Grundstücke gekauft haben, vermutlich Schadensersatzansprüche gegenüber der Stadt Nürnberg haben werden, welche Ihnen ja gewissermaßen schöne Gewinne mit diesem Projekt in Aussicht gestellt hat, welche dann ausbleiben. Da freut sich die Wirtschaft: Geld für’s nichts tun. Man kann sich nun fragen, ob man es hier “nur” mit Unfähigkeit zu tun hat, oder schon mit einer besonderen Form von Korruption.
Baustelle im Bereich Düsseldorfer Straße/Nordwestring für Fernwärmeleitungen für Neu-Wetzendorf. Aufnahme vom 4. November 2026.
Trotz der rechtlichen Unsicherheit werden derzeit Rohre für die Fernwärmeversorgung von Neu-Wetzendorfs von der Lerchenbühlstraße über den Nordwestring in die Düsseldorferstraße verlegt. Augen zu und durch? Die Autofahrer haben jetzt schon ihre Freude an Neu-Wetzendorf, egal, ob es jemals entsteht, oder nicht.
Endspiel um Wetzendorf
Angesichts des Umfangs des geplanten neuen Stadtteils braucht man nicht viel Phantasie, um zum dem Schluss zu kommen, dass mit der Bebauung dieser Flächen nichts weniger als das Endspiel um die Existenz des ländlich geprägten Wetzendorf, wie es heute besteht, stattfindet. Es wird dann nicht mehr lange dauern, bis der alte Dorfkern auch von Norden her eingekesselt, und die alte Bausubstanz nur noch ein übriggebliebener Schatten sein wird, wie etwa Reste des alten Schniegling in der unmittelbaren Nachbarschaft.
Blick auf das westliche Ende des Areals mit den Ausläufern Wetzendorfs im Hintergrund. Aufnahme vom 15. Februar 2026.
Kürzlich stieß ich beim Spaziergang auf den noch unberührten Flächen auf das folgende Warnschild, welches nicht nur vom NABU, sondern offensichtlich auch von der Stadt Nürnberg selbst unterstützt wird. Schlagen da zwei Herzen in einer Brust? Ich denke es ist jedenfalls ein Ausdruck der Widersprüche unserer Zeit.
Warnschild für den Kiebitz am Eingang zum geplanten Baugebiet, nördlich der Forchheimer Grundschule. Aufnahme vom 4. Oktober 2026.
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